„Ich bin hier gerne gewesen." - Interview mit Herrn Graß

Grass1Nach fast vierzehn Jahren verabschiedete sich unser Schulleiter Herr Graß im Sommer in den wohlverdienten Ruhestand.

Die Schülerzeitung ZOOM traf ihn noch einmal zu einem letzten Gespräch als Schulleiter und sprach mit ihm über seine Zeit am RWG, Visionen aus Vergangenheit und für die Zukunft sowie persönliche Eindrücke.

ZOOM: Was hat sich am RWG in dieser Zeit verändert?
Graß: Die Schule hat sich schon verändert. Wir haben uns sehr stark Richtung Spanisch entwickelt, als dritte Fremdsprache. Wir haben parallel den Informatikbereich gestärkt. Wir sind den ganzen Bereich Sozialkompetenzen angegangen, also das Sozialverhalten der Schüler, über die Erlebnispädagogik und spezielle Angebote, die den Sozialcharakter der Schule hervorheben. Dann ist der ganze Bereich der demokratischen Schule entstanden, der Anti-Mobbing-Bereich in letzter Zeit. Also es sind schon starke Veränderungen passiert und das ist auch gut so. Es hat sich äußerlich natürlich auch etliches verändert, aber nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Und das müsste man auch noch sagen, das war mir schon klar, als ich herkam: Wir haben inzwischen eine ganz andere Alterstruktur im Kollegium. Das Kollegium ist erheblich jünger geworden im Laufe der Zeit und jetzt scheiden auch sehr viele mit mir aus, das ist der Strukturwandel. Und wir haben uns vergrößert von 900 Schülern auf 1200 Schüler, das muss man auch sehen in den letzten Jahren, was nicht immer unbedingt glücklich ist, weil man ja dann ganz andere Klassenkombinationen hat. Das sind schon große Veränderungen.

ZOOM: Wie würden Sie Ihre Zeit hier in einem Satz zusammenfassen?
Graß: Ich bin hier gerne gewesen. Das wäre es eigentlich: Ich bin hier unheimlich gern gewesen. Ich habe mich auch gern hierhin beworben. Was mir hier an der Schule bis heute gefällt, ist der außergewöhnlich freundliche Umgang der Schüler untereinander, mit den Lehrern. Das ist auch ein Markenzeichen des RWG. Hier grüßt man sich, auch wenn es komisch ist, wenn man über den Gang geht, dass man x-mal „Guten Morgen" sagt. Das mag vielleicht manchen komisch erscheinen, ich finde das klasse. Wie gesagt, in allen Klassen bin ich unheimlich gern gewesen. Ich bin auch gerne Lehrer gewesen, ich bin auch gerne hier Schulleiter gewesen.

ZOOM: Wo haben Sie vor Ihrer Zeit am RWG gearbeitet?
Graß: Ich war vorher in Koblenz. In Koblenz war ich Fachberater für evangelische Religion für den ganzen Regierungsbezirk. Das habe ich vorher gemacht. Aber wenn ich jetzt damit anfange, was ich alles vorher gemacht habe, sprengt das den Rahmen des Interviews.

Grass2ZOOM: Welche Pläne und Visionen hatten Sie, als Sie Ihre Arbeit am RWG begonnen haben?
Graß: Die Vision war, die Schule zu verjüngen, den Generationenwechsel in der Lehrerschaft hinzukriegen und die Kombination des Fachunterrichts mit einer modernen Schule und den Erfordernissen einer modernen Schule zusammenzuführen. Aber auch der Kontakt zur Gesellschaft, wie das Betriebspraktikum, solche Dinge sind erst in dieser Zeit langsam entstanden. Das ist nicht mein Verdienst, aber das zu steuern, das mit aufzubauen, das war so ein bisschen die Vision. Also weg so ein bisschen vom traditionellen Gymnasium hin zu einem modernen Gymnasium, das aber seine Traditionen hat. Traditionen sieht man. Es sind zum Beispiel bis heute mehr Mädchen an der Schule. Wir wollen Mädchen fördern, das ist auch klar. Dass auch Latein einen gewissen Stellenwert hat, Sprachen einen Stellenwert haben und dass die Naturwissenschaften aber nicht darüber vergessen werden, das gehört dazu. Wir haben den naturwissenschaftlichen Bereich sehr gut ausgebaut inzwischen. Interessant war damals auch für mich dieser künstlerische Aspekt der Schule. Wir hatten damals, als ich herkam, schon den Leistungskurs Bildende Kunst. Da bin ich etwas nachdenklich, dass das im Augenblick nicht mehr so ist, dass also das Markenzeichen Bildende Kunst des RWG ein bisschen in den Hintergrund getreten ist. Das ist so, damit muss ich leben.

ZOOM: Was hat Sie besonders gefreut?
Graß: Die gesamte Harmonie, das gesamte Ensemble, dass alles so funktioniert, freut mich. Dass keiner dem anderen sagt, das ist das Bessere, das ist das Schlechtere, sondern dass es als Harmonie funktioniert, dass mit den unterschiedlichen Erwartungen und Vorrausetzungen für Schule, die sehr viele mit sich bringen, dass dies als Harmonie-Ensemble funktioniert, ist schön. Anscheinend, ich bekomm ja nicht alles mit, was hier läuft. Da bin ich stolz, dass das harmonisch abgelaufen ist mit allen Ecken und Enden, dass das ganze als „Klimaanlage" läuft, könnte man vielleicht sagen, als Harmonie.

ZOOM: Gibt es etwas, was Sie leider nicht umsetzen konnten?
Graß: Also da muss ich ganz offen sagen, was ich nicht umsetzen konnte, war die äußere Gestaltung des Schulgeländes. Da habe ich ganz andere Gedanken gehabt, es war dringend ein Neuanstrich des Altbaus, ganz dringend ein Zaun drumherum nötig. Das war es, was ich auch vorhatte. Was ich jetzt noch erlebe, die Entlastung die durch neue Sporthalle stattgefunden hat, ist eine große Erleichterung. Aber was ich nicht umgesetzt habe, ist die Gestaltung des ganzen äußeren Bereichs, einfach weil das Geld dazu fehlt. Da kann man dann nicht viel dran machen. Und ich habe eigentlich nie eine vollständige Unterrichtsversorgung gehabt, in allen dreizehn Jahren nicht. Das muss man ganz offen sehen. Es hat immer irgendwo ein bisschen an Personal, an Unterrichtsstunden gefehlt. Es wurde immer irgendwo gekürzt. Es hat nie null Unterrichtsausfall gegeben. Ja, warum das so ist, weiß kein Mensch. Ich kann es ahnen, aber ich weiß es nicht.

ZOOM: Was unterscheidet das RWG von anderen Gymnasien hier in der Umgebung? Was macht das RWG einzigartig und was ist ein Grund, an unsere Schule zu kommen?
Graß: Ich würde schon sagen, dass wir als pädagogische Schule verstanden werden. Ich höre das von vielen Eltern. Sie sagen, wir melden unser Kind hier an, weil bei allen fachlichen Anforderungen auch der pädagogische Aspekt nicht vergessen wird. Und da spielt auch wieder der Umgang miteinander eine große Rolle, der Umgang der Schüler untereinander. Das muss uns ganz klar sein, wir haben ganz wenige Disziplinarfälle. Wir haben natürlich auch Disziplinarfälle, aber im Verhältnis haben wir kaum welche. Das spielt für viele Eltern eine große Rolle. Die Schüler und die Lehrer sind irgendwo noch im Innersten Menschen. Das ist ein großer Vorteil unserer Schule.

ZOOM: Welche Pläne haben Sie nun für Ihren Ruhestand?
Graß: Ich habe keine konkreten Pläne, ich lasse das auf mich zukommen. Ich habe noch ein paar Ehrenämter außerhalb des Bereichs, um die ich mich kümmern muss. Aber ich habe keine konkreten Pläne. Das hängt einfach damit zusammen, dass ich Schulleiter bis zum Schluss bin. Natürlich möchte ich noch eine ganze Ecke von Italien erkunden, aber nicht so, dass ich einen gerichteten Plan habe. Ich lasse mich überraschen.

ZOOM: Gibt es ein besonderes Ereignis, dass Sie besonders beeindruckt oder geprägt hat in Ihrer Zeit als Lehrer?
Graß: Also wenn ich an meine Zeit als Lehrer denke, da gibt es ein Ereignis. Da bin ich mit einer Klasse auf der Donau Kajak gefahren, mit Zelten und allem Pipapo. Das ist ja heute nicht mehr erlaubt. Wir sind auf der Donau gefahren, es war eine unglaublich gute Klassenfahrt, die schönste, die ich je mitgemacht habe, auch wenn ich danach nicht mehr wusste, wo vorne und hinten war. Das war eine Klasse 9, mit denen habe ich heute noch Kontakt, von meiner alten Schule.
Hier habe ich mich immer gefreut, von daher gibt es eigentlich kein richtiges Highlight, das ich erwähnen könnte, wenn ein Schuljahr zu Ende ging und die Kinder freudestrahlend rausgingen und viele Kinder fröhlich „Auf Wiedersehen, Herr Graß" gesagt haben. Das ist für mich ein Highlight. Das zeigt, du hast alles richtig gemacht. Oder ganz klar, als unser 125-jähriges Bestehen war, das war ein großes Ereignis, aber das haben die Kollegen gemacht. Das ist alles nicht mein Ding, das war zwar ein Highlight, aber das braucht kein Highlight zu sein. Es gab natürlich noch ein Highlight, das war eine Abiturfeier eines Jahrgangs, ein paar Jahre her, wo wir ein neues pädagogisches Konzept entwickelt haben. Das Thema des betreuten Mittagsschlafs in der Schule, das war eine Ironie auf die Schulpolitik, das war ein Highlight für eine Abiturfeier. Da haben wir also Quatsch gemacht. Das werde ich nie vergessen, wie der Saal sich bog vor Lachen, wie wir da den betreuten Mittagsschlaf hatten, und vorher ein bisschen Gedichte. Aber das kann man nicht als Highlight für die gesamte Schule bezeichnen. Da denkt man gerne zurück, wie lustig das war. Eigentlich, fröhliche Schüler, die morgens in die Schule kommen und sagen „Hallo, Herr Graß", das ist ein Highlight für mich.

ZOOM: Würden Sie etwas im Rückblick noch einmal anders machen?
Graß: Das ist eine schwere Frage. Wenn man etwas entschieden hat, dann sollte man bei der Sache bleiben. Ich halte nichts davon, und ich halte das für eine ganz große Schwäche unserer Gesellschaft, wenn man zu einmal getroffenen Entscheidungen und Wahlen nicht steht. Ich kann nicht mein Leben lang rumwählen, das geht nicht. Ich muss da stehen und sagen: „Jetzt hast du dich dafür entschieden und dann musst du dabei bleiben." und nicht: „Ja, aber ich kann neu wählen." Das halte ich für eine Krankheit unserer Gesellschaft. „Ich habe mich für einen falschen Partner entschieden, also wähle ich einen neuen." Damit ist das Problem ja nicht erledigt. „Ich habe mich für die falsche Schule entschieden, dann gehe ich halt auf eine andere." „Ich habe mich für eine falsche Fächerkombination entschieden, also wähle ich mal schnell neu." Das geht ja im Leben nicht so einfach. Deshalb stellt sich mir die Frage nicht, ob ich etwas anders machen würde. Ich würde allerdings schon sagen, dass ich mich wieder für den Lehrerberuf entscheiden würde. Nicht wegen der Versorgung und dem Verdienst, was ja beim Lehrerberuf nicht schlecht ist, sondern weil man mit vielen, vielen Menschen zusammenkommt, und weil man sich ständig in der Reaktion der anderen selbst überprüfen muss. Das ist sehr belastend, aber auch positiv, man weiß, was der andere von einem hält und das ist gut so. Aber ich könnte nicht sagen, ich würde alles anders machen, auf keinen Fall. Ich würde auch nicht sagen, ich würde alles genauso machen. Ich habe mich dafür entschieden und da muss ich jetzt durch. Das ist auch nicht schlecht. Was soll ich jammern über irgendeine verpasste Chance? Ich habe sie ja nicht mehr. Ich habe mich für die Schule entschieden und dazu muss ich stehen. Und ich stehe zum RWG weiterhin. Ich habe immer dazu gestanden. Nach einer Zeit, so nach 15 Jahren, muss man etwas Neues anfangen. Ich halte nichts davon, wenn man... ich sage es einmal salopp, in Neuwied geboren, in Neuwied zur Schule gegangen, in Neuwied Referendariat gemacht, in Neuwied Lehrer gewesen, in Neuwied pensioniert, in Neuwied gestorben, in Neuwied beerdigt. Das hat nichts mit Neuwied zu tun, das kann man auf jede andere Stadt übertragen, aber man muss nach einer gewissen Zeit noch einmal irgendwo eine andere Perspektive finden, auch im Beruf. Da sage ich eigentlich, das habe ich richtig gemacht, dass ich immer wieder neue Dinge angegangen bin, vom Verbindungslehrer, Personalrat, über die Lehrplankommission, irgendwann über Prüfungsanforderungskommission, über Schulzeitverkürzung für Hochbegabte, bis hin zum Schulleiter, um mal ein paar Stationen zu nennen, die ich zum Teil auch parallel gemacht habe. Ich habe immer nach ein paar Jahren so einen neuen Aspekt gesucht, der sich mir bot. Das halte ich schon für wichtig, ohne das sprunghaft zu machen natürlich. Die Sache, die man übernommen hat, durchziehen, und dann wieder was Neues machen. Da muss man auf die Gelegenheit warten.

ZOOM: Was würden Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
Graß: Kleine Tipps wird man ihm immer geben. Aber jeder muss da ein neues Profil entwickeln, muss allerdings nicht das Profil einer Schule aufdrücken, sondern das Profil entwickelt sich dadurch, dass man zunächst einmal schaut: Was ist da, welche Ressourcen, welche Kompetenzen sind da? Und dann überlegt man: Wie kann ich darin Akzente setzen, wie kann ich das aufbauen? Es wäre für ein Schulsystem verheerend, wenn man mit einem fertigen Konzept kommt, das aufdrückt. Ich würde nicht sagen, diese Treppe ist schlecht, oder achte darauf, das muss er selbst erfahren. Ich will meinem Nachfolger auch keinerlei Vorurteile hinterlassen. Vorurteile nicht in dem üblichen Sinne. Das muss er selbst erfahren. Das habe ich auch mitgekriegt, als ich hierher kam, hat mir keiner gesagt, wer ist ein starker Kollege und wer ist ein schwacher Kollege, oder welche Klasse ich mag. Das musste ich selbst erfahren. Eins würde ich allerdings meinem Nachfolger raten: Er muss sehr viel unterrichten. Er muss selbst bei der Schülerschaft da sein. Ich habe immer zwei, drei Kurse oder Klassen gehabt, weil man über die Schülerschaft viel mehr den Eindruck von einer Schule bekommt und man auch viel mehr erfährt als im Kollegium. Wenn man den Fehler macht und sich in sein Zimmer zurückzieht, das ist verheerend. In einer Klasse bekommt man eine Menge der Reaktionen von den Schülern mit, so ganz neben bei, hier stimmt was nicht. Das sind andere Dinge, als ich sie sonst erfahre, sonst bekomm ich sie zu spät mit. Das wäre ein Rat, der zweite ist, der Schulleiter sollte mindestens ein-, zweimal am Tag über sein Gelände marschieren. Mal durchgucken, was so los ist. Über die Flure gehen, durch den Aufenthaltsraum gehen. Einfach, um präsent zu sein für die Schüler, nicht um Aufsicht zu führen. Da erfährt man auch viel, einfach beim Quatschen im Aufenthaltsraum mit den Schülern und dann kriegt man auch wieder was mit. Aha, der Kollege kommt mal vorbei oder was machen die schon wieder, toben rum oder so was. Das ist eigentlich auch eine Sache, die muss ein Schulleiter mitkriegen. Und er sollte jeden morgen um halb acht da sein. Das muss jeder für sich selbst entscheiden, aber morgens ums halb acht da sein, und mittags nicht vor zwei aus dem Haus. Die Hauptsachen laufen zu der Zeit. Was hier morgens so läuft, ist Alltag, aber früh morgens hat man Ruhe, da kommen die Leute, sagen einem was, beschweren sich und haben Erwartungen, wie können wir das Problem lösen. Und das läuft früh morgens oder mittags, am nächsten Tag ist die Sache wieder weg. Also wenn mich jemand fragt, wie hast du das gemacht? Dann würde ich sagen, so habe ich das gemacht, und ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Klar, persönlich, was ich nicht gemacht habe, was von vielen Schulleitern erwartet wird, das ist eine sehr spezielle Frage. Der Direktor vom WHG damals, Studiendirektor Thull und ich, wir kannten uns gut, und wir haben uns überlegt, wir machen nicht zu viel Werbung. Wir bewerben eine Schule nicht, denn wir haben genügend Schüler, und man darf in der Werbung eigentlich nur versprechen, was man auch halten kann. Ich kann nicht Zusagen machen und sie dann nicht halten. Das ist auch mir kürzlich noch passiert, dass ich mich auf eine Zusage von oben verlassen habe, nämlich Latein 1, die ist nicht eingetreten, und ich muss Latein wegnehmen. Aber da liegt ein Problem: Das was ich zugesagt habe, muss ich versuchen, zu halten. Und deswegen haben wir uns damals entschieden, wir werben nicht für WHG oder RWG, sondern wir sagen, wir sind da, wir nehmen Schüler auf, für uns ist die Schülerversorgung das Entscheidende, aber wir lassen uns nicht auf das Niveau eines Kaninchenzüchtervereins ziehen. Ich zieh hier nicht rum und tu Klinken putzen, ich werde ja schließlich nicht gewählt. Das heißt, es ist für eine Schule auch gut, wenn sie nicht beworben wird. Eine Schule wirbt nicht durch große Aktionen, durch große Zeitungsartikel für sich, sondern durch die Arbeit vor Ort, die Arbeit im Unterricht. Dadurch wirbt eine Schule. Alles andere ist Nebensache. „Hier wird pädagogisch gearbeitet", das ist die beste Werbung für eine Schule. Da können wir hier Plakatwände aufstellen, das bringt alles nichts.

ZOOM: Wie sieht das RWG in zehn Jahren aus?
Graß: Ich bin der Überzeugung, in der gesamten Schulstruktur wird sich das 12-jährige Gymnasium durchsetzen. Und wir werden nicht umhin können, unsere Angebote auszubauen, in der Schulstruktur, weil immer mehr alleinerziehende Eltern da sind und die Kinder versorgt werden müssen, wie wir es machen mit der Hausaufgabenbetreuung zum Beispiel. Wir werden den Aspekt der Sozialkompetenz weiter ausbauen müssen. Wir haben auch den Aspekt der demokratischen Schule angesetzt aus diesem Grund. Ich glaube nicht, dass ein Erfolgsmodell in der integrierten Gesamtschule liegt. Ich denke, da muss man sehr skeptisch sein. Insofern glaube ich schon, dass das Gymnasium eine Zukunft hat. Vom Kollegium in 10 Jahren wird man drei Viertel nicht mehr kennen, wenn man da rein schaut. Es wird ganz sicher auch notwendig sein, wegen mangelnder Lehrerkapazitäten das Fächerangebot einzuschränken. Ihr könnt nicht mehr alles wählen. Das muss klar sein. Man muss hingehen und diese Kernfächer wieder als Pflichtwahl machen. Dann wird einiges hinten hinunter fallen, einfach weil die zur Verfügung stehenden Lehrer fehlen. Da hilft auch Bachelor und Master nichts. Da werden Einschränkungen erfolgen. Von der Schülerschaft her müssen wir immer mehr mit Schülern mit zerrütteten Familienstrukturen rechnen, oder mit solchen, deren Familienverhältnisse nicht mehr in Ordnung sind. Wir müssen berücksichtigen, dass die Individualisierung und die Medialisierung sehr stark nach vorn getrieben werden. Das sind so ein paar Dinge, von denen ich glaube, dass wir uns darauf einstellen werden müssen. Und mit der Individualisierung ist die Anti-Mobbing-Frage immer wichtiger, das ist miteinander verknüpft, auch die Medialisierung spielt da mit hinein. Da müssen wir uns drauf einstellen. Das RWG, die Schule an sich ist schon zukunftsfähig. Aber das Angebot wird sich einschränken, aufgrund von Lehrermangel. Wir brauchen in den nächsten Jahren dringend Informatiklehrer, auch Englischlehrer, überhaupt Sprachen und Naturwissenschaften, wir brauchen im Grunde alles. Und daran wird sich dann eine Schule entscheiden, und im Grunde auch ein Schulsystem sich entscheiden. Was ich für eine schlechte Entwicklung halte, aber da stehe ich mit wenigen Kollegen alleine mit dieser Meinung da, ist die Einsetzung von Vertretungslehrern, die keine richtige Ausbildung haben, um Unterrichtsbedarf abzudecken. Es kann halt nicht jeder Ingenieur Mathematik unterrichten. Das sage ich jetzt aber nicht aus der Schulleiterperspektive, sondern ich weiß es von sehr vielen Schülern, die gesagt haben, um Gottes Willen, bitte einen richtigen Lehrer und keine Vertretung. Der kommt nicht, oder der kann das nicht, der überfordert uns. Diese ganze Sache halte ich für sehr problematisch. Bei Quereinsteigern sieht das etwas anders aus, also Fachleute, die anschließend eine Ausbildung zum Lehrer kriegen, aber ich halte nichts davon, nicht pädagogisch ausgebildete Leute an Schulen unterrichten zu lassen.

ZOOM: Was haben Sie persönlich am RWG und von den Schülern hier gelernt?
Graß: Was ich gelernt habe, ist, auszugleichen. Ausgleichend zu wirken zwischen Schülern untereinander, zwischen Schülern und Kollegen, auch unter den Kollegen. Und was ich von den Schülern habe, ist eine irre Menge an Ideen. Das muss ich ganz offen sagen, dass Schüler noch ganz anders denken. Und hier in der Schule habe ich das in einer Breite erfahren, als Schulleiter, als Fachlehrer ist man ja immer auf sein Fach beschränkt, aber im Schulleiterbüro läuft ja alles zusammen, was an Informationen für mich wichtig ist. Da kamen von der Schülerschaft eine Menge Ideen, teils auch grandiose Ideen, Unterricht zu gestalten, oder besonderes Engagement zu zeigen, ich denke da zum Beispiel an Rock with Groove oder auch der Chor, dass sich die Leute einfach hinstellen und singen. Ok, ich war auch im Chor, ich war auf einer reinen Jungenschule, da war das so. Aber diese Unkompliziertheit, nicht um 10 Ecken zu denken, sondern einfach geradeaus, das habe ich von den Schülern gelernt. Eine ganz neue Erfahrung war auch, wie man mit Eltern umgeht. Da hatte ich früher nie Probleme, aber als Schulleiter ist das etwas anders. Die Eltern kommen dann häufig als Beschwerende, das ist eine völlig neue Erfahrung, die man in dem Moment macht, dass die Eltern sich beschweren, und dass man dann sagt, Sie haben ja auch recht. Nur wie machen wir es jetzt, dass du den Eltern ihr Recht zubilligst, aber es auch den Schülern und den Kollegen recht machst. Diese Spannung ist was besonderes an der Position des Schulleiters. Diese Erfahrung werde ich so schnell nicht vergessen. Manchmal denken Eltern auch ganz anders, als man als Schulleiter denkt. Da sagen dann Eltern, nein, nein, diesen ganzen Bereich kann man nicht an einem Satz festmachen. Dieses Dreieck der drei Positionen, Eltern, Schüler und Kollegen, in ein Gleichgewicht zu bekommen, zu harmonisieren, die Spannungen, die darin entstehen, auszuhalten, das ist schon etwas heftig.

ZOOM: Werden Sie das RWG noch einmal besuchen kommen?
Graß: Natürlich werde ich reinschauen. Schön wäre es, wenn es inkognito wäre. Es ist nicht gut, wenn der alte Schulleiter sich dort einmischt. Da muss Schluss sein. Da gibt es neue Visionen, neue Vorstellungen. Da hab ich hier eigentlich nichts mehr zu suchen. Nicht im Zorn, sondern es ist einfach nicht gut fürs System. Dann ist Schluss, Ende. Ich gehe ja nicht im Zorn, ich gehe auch mit viel Wehmut. Aber eigentlich ist es eine Sache der nächsten Generation. Das ist keine Sache der Romantik. Ich persönlich hab auch nie in meine Abiturarbeiten geschaut. Ich war froh, dass es weg war. Toll, Abitur, aber ich hab nicht daran gedacht, mir die Abiturarbeiten zu holen. Damals war das auch noch anders, da standen Kommentare drunter, die würden heute 10 Jahre lang die Verwaltungsgerichte beschäftigen. Aber das hat mich nie interessiert. Ich hatte Abitur, damit war das abgeschlossen, war weg. Das ist auch eine subjektive Angelegenheit.

ZOOM: Was möchten Sie den Schülern zum Abschied sagen?
Graß: Ich möchte mich bei den Schülern bedanken für die gute Zusammenarbeit, für die Freundlichkeit und die Offenheit, mit der sie mir entgegengekommen sind. Das hat Spaß gemacht, obwohl ich mich manchmal tierisch geärgert habe über das Sozialverhalten untereinander, wie sie den Aufenthaltsraum hinterlassen. Das geht auf das Sozialverhalten der Schüler. Da habe ich mich sehr geärgert. Aber ein fröhliches „Guten Morgen!" am nächsten Tag oder dann gibt es auch Schüler, die sagen, weg mit dem ganzen Dreck, das ist dann wieder toll. Ich habe mich schon manchmal geärgert. Aber wie gesagt, die Schüler sollen weitermachen. Was ich auch noch bei den Schülern, aber auch bei den Kollegen anmerken möchte, ist, sie müssen sich noch mehr mit dem RWG identifizieren. Das habe ich nicht geschafft. Eine stärkere Corporate Identity, wie man so sagt. Das Gemeinschaftsgefühl, da sind uns andere Schulen weit voraus. Da ist zwar bei mir im Computer noch ein komplettes Schulprofil, aber das haben wir nicht weiterverfolgt, denn das Schulprofil ist für unterschiedliche Gruppen schon was Unterschiedliches, und da habe ich es nicht geschafft, das alles auf einen Nenner zu bekommen. Das wäre eine Aufgabe, die ein Nachfolger leisten müsste, dass sich die unterschiedlichen Gruppen stärker mit dem RWG identifizieren. Wir haben so was, wir haben einen Elternbrief, wir haben Schul-T-Shirts, aber das muss noch zusammengeführt werden, das wäre so ein Wunschtraum. Nach dem 5. Jahr habe ich damit angefangen, aber ich bin damit nicht fertig geworden. Dessen bin ich mir bewusst. Aber so etwas ist auch immer ein Prozess. Das wäre so ein Traum, dass man so ein Schulprofil hätte, das sich in der Form eines Schulvertrages manifestiert, und indem ich mich da anmelde, mache ich da mit. Das wäre so der Gedanke, der dahinter steckt. Wenn ich mich zum RWG anmelde, kommt da das und das dazu. Dann sollte man sich anmelden, oder man hat da keine Lust zu. Das wäre so eine Art Profil, aber das kann ich nicht nur von den Schülern einfordern, sondern ich muss es auch von mir selbst fordern, und auch von den Kollegen und von den Eltern. Wir sind keine Verwahranstalt, wir drohen auch nicht dazu zu verkommen, aber da könnte man auch noch einiges machen. Da komme ich dann auch gerne rein und schaue mir das an.